Die feinen Unterschiede: Drag vs. Travestie

In unserer Reihe „Die feinen Unterschiede“ beleuchten wir regelmäßig Musik- und andere Kunstgenres, Fachbegriffe sowie Kunstformen, die semantisch eng beieinander liegen, aber nicht genau dasselbe meinen. Passend zum Monat der Vielfalt Juni geht es heute um Drag und Travestie. Den sogenannten Pride Month gibt es bereits seit der Jahrtausendwende und dennoch sind immer noch viele Fragen rund um Queerness und LGBTQ* im Allgemeinen offen. In diesem Kosmos von Begriffen versuchen wir heute Drag und Travestie auf den Grund zu gehen und zu verstehen, wo die feinen Unterschiede exakt verborgen liegen.

Drag


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Mehrere Mythen ranken sich um den Begriff „Drag“. Tatsächlich ist nicht ganzheitlich geklärt, wo der Ausdruck seinen Ursprung hat. Eine Vermutung führt auf Shakespeare zurück, der das Wort „Drag“ in den Anweisungen seiner Dramen verwendet haben soll, wenn Männer eine weibliche Bühnenrolle übernahmen. Aus den Regieanweisungen „dressed as a girl“ oder „dressed resembling a girl“ stellt sich womöglich das Akronym „Drag“ zusammen.

Eine weitere plausible Definition erklärt sich über die englische Bedeutung des Wortes „drag“, was auf Deutsch „schleppen“ bedeutet. Die extravaganten Outfits – mit langen Kleidern, Perücken und Accessoires verziert – müssen von den heute sogenannten Drag Queens regelrecht über den Boden geschleppt werden.

 

Drag Queen


© cottonbro von Pexels

Unter einer Drag Queen versteht man eine Person, die in der Öffentlichkeit und oft im Zusammenhang mit Shows oder Veranstaltungen, das Weibliche in einer Art Performance überspitzt präsentiert. Drag Queens und ihre auffälligen Darbietungen werden in der Regel von Cis-Männern aufgeführt, sind aber generell unabhängig vom sozialbiologischen Geschlecht der Person. Trans-Frauen sollten deshalb nicht mit diesen besonderen Künstler:innen gleichgesetzt werden.

Die spezielle Kunstfigur Drag Queen ist meist als permanente Rolle oder Alter Ego in der Öffentlichkeit präsent und wird nicht zwingend als Privatperson ausgelebt. Das Pendant zur Drag Queen ist der Drag King. Die Darsteller:innen geben sich zudem gerne einen eigenen Drag-Namen. Bekannte deutsche Drag Queens sind beispielsweise Oliver Knöbel alias Olivia Jones oder Betty BBQ.

 

Travestie


© cottonbro von Pexels

Anders als bei Drag, ist die Herkunft der Travestie im etymologischen Sinne eindeutig. Dem italienischen Wort „travestire“, was übersetzt „verkleiden“ bedeutet, liegen die beiden lateinischen Wörter „trans“ (= hinüber) und „vestire“ (= kleiden) zugrunde. In der Travestie schlüpfen die Darsteller:innen eines Bühnenstücks in die Rolle eines anderen Geschlechts. Den Ursprung findet diese Darstellungsform bereits in der Antike, wo sich das gesamte Schauspiel-Ensemble meist aus Männern zusammensetzte. Aus diesem Umstand entstand quasi die Travestie.

Abzugrenzen von der schauspielerischen Travestie ist die literarische Travestie: Diese Textgattung formt die originalen Werke neu. Das heißt, dass die Inhaltsebene zwar gleichbleibt, aber stilistisch eine Veränderung vorgenommen wird. Man stelle sich „Die feinen Unterschiede von Pierre Bourdieu“ in Jugendsprache vor – wild.

 

Back to topic!

Am Ende ist zu sagen, dass die Begriffsfelder eng beieinander liegen und sich teilweise überlappen. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Drag und Travestie liegt aber darin, dass die Rolle einer Drag Queen oder eines Drag Kings eine permanente Kunstfigur darstellt. Ganz im Gegensatz zur Travestie, wo Künstler:innen keine dauerhafte Rolle in ihren Darbietungen einnehmen. Einen gemeinsamen Kern haben Drag und Travestie jedoch in jedem Fall – das meist extravagante Präsentieren im Stile eines anderen Geschlechts. Aber warum machst du dir nicht selbst ein Bild davon? Erlebe den Zauber der Travestie live, genieße die Show der Costa Divas oder lass dich von Betty BBQ, Freiburgs sympathischster Drag Queen, durch die Stadt führen.

 

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Yannic

Seit 2020 bin ich Teil der Reservix-Redaktion. Weil Zuhause meine Schreibtischlampe den Geist aufgegeben hat, schreibe ich jetzt hier fleißig Texte. Ansonsten versuche ich, Barré-Akkorde zu greifen und schieße Fotos, Videos oder Bälle durch die Gegend. Achso, irgendwas mit Medien studiere ich auch noch.

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