
Kaum zu glauben, es klopft bereits der vierte Advent an die Tür! Um dir die Vorfreude auf Weihnachten noch ein wenig zu versüßen, haben wir auch diese Woche eine Kurzgeschichte in petto. Erfahre jetzt in „Eine Adventsgeschichte: Der falsche Weihnachtsmann“, wie ein Nachtwächter im Krankenhaus zum Weihnachtsmann wurde. Viel Freude beim Lesen und ein fröhliches Weihnachtsfest!
Eine Nachtschicht, wie keine andere
Mo bleibt einen Moment stehen. Vor der automatischen Glastür sammelt sich die kalte Dezemberluft, dahinter eine Familie, die lacht. Die Mutter hält einen Blumenstrauß, der Vater schiebt einen Koffer, ein Kind hüpft zwischen ihnen hin und her. Gesund genug, um nach Hause zu gehen. Mo zieht an seiner Zigarette, sieht zu, wie sie im Dunkel des Parkplatzes verschwinden. Die Glastür schließt sich zischend hinter ihm.
Drinnen riecht es nach Desinfektionsmittel und abgestandenem Kaffee. Das Krankenhaus ist in dieser Nacht stiller als sonst, beinahe ehrfürchtig. Mo zieht seine Jacke aus, hängt sie an den Haken und beginnt seinen Rundgang. Flure, Türen, Notausgänge. Alles wie immer. Neonlicht, das nicht wärmt. Ferne Schritte, die hallen. In den Wartebereichen sitzen keine Menschen mehr, nur Stühle, die auf den Morgen des 25. Dezember warten.
Dem Weihnachtsmann passt sein Kostüm nicht
Mo arbeitet hier seit Jahren. Nachtwächter. Einer, der da ist, wenn andere gehen. Weihnachten hat für ihn keine besondere Bedeutung mehr. Es ist ein Datum wie jedes andere, nur dass die Stille tiefer ist. Als er an der Kinderstation vorbeikommt, hört er Stimmen. Zu laut für diese Uhrzeit. Dann ein Weinen. Mo zögert kurz, klopft und steckt den Kopf hinein. Ein Pfleger steht im Flur, das Gesicht angespannt, in der Hand ein rotes Kostüm, das viel zu groß ist. Der Mann darin ist spargeldünn, der weiße Bart hängt schief.
„Der Weihnachtsmann“, sagt der Pfleger entschuldigend. „Also, nicht der echte, sondern der Schauspieler, hat sich krank gemeldet. Mir passt das Kostüm vorne und hinten nicht.“ Er mustert Mo, als habe er eine Idee, die er selbst noch nicht ganz glaubt. „Könnten Sie…? Nur kurz. Die Kinder warten.“ Mo will ablehnen. Er öffnet den Mund, um sich gegen das Angebot zu wehren. Dann sieht er die Tür zum Gemeinschaftsraum, dahinter kleine Gestalten in Betten und Rollstühlen. Erwartungsvolle Gesichter. Er seufzt, nimmt das Kostüm entgegen.
Eine simple Frage
Der Mantel ist schwer, der Bart kratzt. Mo fühlt sich lächerlich, als er eintritt. Doch die Kinder klatschen. Jemand ruft „Da ist er!“. Mo setzt sich auf den Stuhl, der für ihn bereitsteht: Stuhlkreis. Geschenke werden verteilt, kleine Päckchen, nichts Großes. Mo liest Namen vor, stolpert über manche, lacht unbeholfen. Die Kinder lachen mit. Niemand merkt, dass er keine Ahnung von dem hat, was er da tut. Dass er, sozusagen, der falsche Weihnachtsmann ist.
Dann meldet sich ein Mädchen. Etwa neun Jahre alt, dünne Zöpfe, wache Augen. Sie sieht ihn lange an, bevor sie spricht. „Vermisst dich deine Familie nicht“, fragt sie, „wenn du an Heiligabend die ganze Nacht arbeiten musst?“ Es ist keine provokante Frage. Nur ehrlich. Mo stockt. Unter dem Bart fühlt sich sein Gesicht plötzlich warm an. Er denkt an die leere Wohnung, an den Fernseher, den er nicht einschalten wird, an die Jahre, in denen Weihnachten leise verschwunden ist. Er räuspert sich. „Manchmal schon“, sagt er. Mehr nicht. Das Mädchen nickt, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. Dann, um nicht völlig aus der Rolle zu fallen: „Doch der Weihnachtsmann tut, was der Weihnachtsmann tun muss.“ Das Mädchen lächelt.
Mit kleinen Gesten kommt man weit
Als Mo später das Kostüm zurückgibt, ist es wieder still. Die Kinder schlafen. Der Flur wirkt länger als zuvor. Er setzt seinen Rundgang fort, nun etwas langsamer. Die Nacht ist dieselbe, und doch fühlt sie sich anders an.
Kurz vor Schichtende wartet im Pförtnerhäuschen ein Becher auf ihn. Heißer Kaffee. Daneben liegt ein Stück selbstgebackener Kuchen, sorgfältig in Servietten gewickelt. Eine Kinderzeichnung steckt dabei: ein großer Weihnachtsmann mit viel zu langen Armen. Darunter steht krakelig geschrieben: Für Mo. Danke, dass du da bist. Er setzt sich, nimmt den Becher in beide Hände. Draußen beginnt es zu schneien. Zum ersten Mal in dieser Nacht lächelt auch er.
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