Eine Adventsgeschichte: Die verschwundene Melodie

Der Advent ist die Zeit der Gemeinschaft. Viele Familien haben Traditionen und Bräuche, die sie jedes Jahr wieder vom ersten Advent bis Heiligabend begleiten. Vom Öffnen der Türchen des Adventskalenders bis zum feierlichen Anzünden der Kerzen auf dem Adventskranz oder dem Besuch beim Weihnachtskonzert hat jeder seine Gewohnheiten. Auch wir aus der Reservix Redaktion haben uns etwas Besonderes überlegt: Zu jedem Adventssonntag erwartet dich eine neue Weihnachtsgeschichte! Also Vorhang auf für die Geschichte zum dritten Advent: „Die verschwundene Melodie“!

Vorfreude im Proberaum

Es ist kalt, als Charlie die Tür des roten Ford Fiesta mit Schwung zuwirft. Fröstelnd schlingt sie ihren weichen Schal enger um den Hals, rafft ihre warme Winterjacke um den Körper und stapft mit ihrem blauen Heftordner in Richtung Eingangstür. Ihre Mama würde sie in zwei Stunden wieder abholen. In der Zwischenzeit aber würde Charlie mit dem städtischen Kinderchor für das Event des Jahres, das große Weihnachtskonzert, proben, das in wenigen Wochen stattfindet. Im Proberaum herrscht schon großer Trubel: Notenständer klappern, einige Kinder singen sich ein und wieder andere schwatzen freudig mit ihren Freundinnen und Freunden. Auch Charlie macht sich bereit und stellt ihren blauen Ordner auf einem Notenständer vor sich ab. „Schön, dass ihr alle da seid, lasst uns anfangen“, durchdringt die Stimme der Chorleiterin Annett den Raum. „Wir wollen heute das letzte neue Lied üben. Ich habe euch die Noten abgedruckt, bitte heftet sie in eure Ordner“.

 

Die fehlenden Noten

„Wo hab ich sie nur hingetan?“ Annett kramt in ihrer Tasche, holt alles heraus, doch die Noten bleiben verschwunden. „Ich bin mir sicher, ich habe die Noten eingepackt…“, murmelt sie. Ein leichter Anflug von Panik ist in ihrer Stimme zu hören. Die Kinder tuscheln schon nervös, als Charlie sich zu Wort meldet: „Annett, kannst du die Noten nicht nochmal ausdrucken?“. „Leider nicht“, antwortet die Chorleiterin nachdenklich, „der Drucker hier ist schon seit einigen Wochen kaputt. Und ohne Noten geht es auch nicht, das Stück ist ganz schön anspruchsvoll. Aber ohne wird das Weihnachtskonzert nur halb so schön…“. Die Vorstellung, dass das Konzert, auf das sich alle schon seit Wochen freuen, ins Wasser fällt, erschüttert Charlie. Sie fasst einen Entschluss: „Ich gehe auf die Suche! Die Noten müssen doch irgendwo hier sein“. Annett stimmt zu. „Na gut, Charlie, du siehst auf den Fluren nach, ob ich die Noten verloren habe. Wenn du bis in 15 Minuten nichts gefunden hast, müssen wir mit einem anderen Lied weitermachen. Die Zeit drängt, es ist nicht mehr lange bis zu unserem großen Auftritt“.

Auf Spurensuche

Charlie nickt aufgeregt und verlässt den Raum. Auf dem Flur überlegt sie kurz. „Am besten gehe ich den Weg vom Musikraum bis zur Eingangstür noch einmal zurück, denn von dort aus kam Annett ja herein. Falls nichts zu finden ist, nehme ich noch die Toiletten und den Aufenthaltsraum unter die Lupe“. Gesagt, getan. Sorgfältig und mit langsamen Schritten geht Charlie den Flur entlang. Ihrem wachsamen Blick entgeht nichts. Doch außer ein paar Spinnweben und einer Menge Staub ist hier nichts zu finden. Am Ende des Ganges kommt Charlie mit leeren Händen am Eingang an. Etwas enttäuscht, aber dennoch entschlossen, das Weihnachtskonzert zu retten, dreht sie sich auf dem Absatz um und macht sich auf zu den Toiletten. Die Waschräume sind im ersten Stock, und Charlie nimmt auf der Treppe immer zwei Stufen auf einmal. Plötzlich stoppt sie. War da nicht ein Geräusch? Tatsächlich, ganz leise bahnt sich der Klang einer sanften Stimme durch das Gemäuer bis in Charlies Ohren. Gespannt lauscht die kleine Detektivin und kann ihren Ohren kaum trauen: Die unbekannte Stimme singt die Melodie des neuen Stücks, das eigentlich der ganze Chor heute proben wollte! „Na warte“, denkt Charlie grimmig. „Dem Notendieb werde ich jetzt auf die Schliche kommen!“ Ganz vorsichtig, um den Dieb nicht zu warnen, schleicht sie die restlichen Stufen hinauf. Dann bleibt sie stehen und lauscht wieder. Die Stimme kommt von weiter oben das kann nur auf dem Dachboden sein! Also läuft Charlie auch die zweite Treppe hinauf. Hier war sie noch nie. Auf dem Dachboden gehen zwei Türen ab. Die eine ist geschlossen, die andere aber ist einen Spalt geöffnet. Aus diesem Spalt dringt die zarte Stimme, die immer wieder ansetzt und den Refrain des Weihnachtsliedes singt! Charlies Herz klopft. Sie legt eine zitternde Hand auf die Klinke, holt einmal tief Luft und stößt die Tür auf.

Das Geheimnis auf dem Dachboden

Der Gesang verstummt. Charlie hat einen echten Dieb erwartet, mit Maske und ganz schwarz angezogen. Stattdessen steht ihr gegenüber ein Junge mit kurzen, blonden Haaren und einem rot weiß gestreiften Pullover. In seiner rechten Hand: ein ganzer Stapel Notenblätter! „Du… du hast die Noten geklaut!“, ruft Charlie überrascht. Der fremde Junge senkt den Blick. „Ich… ich wollte nicht stehlen“, stammelt er leise. „Ich wollte mir das Lied nur anschauen. Ich bin neu in der Stadt und habe noch nicht viele Freunde. Da dachte ich, beim Singen mit anderen freundet man sich bestimmt schnell an. Aber ich weiß nicht, ob ich gut genug bin für den Chor. Ich wollte heimlich üben… nur ein bisschen… bevor ich frage, ob ich überhaupt mitmachen darf.“ Seine Stimme bricht kurz. „Ich dachte, wenn ich das Lied kann, würden sich die anderen vielleicht freuen, dass ich dabei bin. Ich bin übrigens Mo“. Charlies Ärger verpufft, als sie sieht, wie sehr Mo zittert und wie eng seine Finger das Notenblatt umklammern. Vorsichtig tritt Charlie etwas näher an Mo heran. „Du hättest einfach fragen können. Im Chor muss niemand perfekt sein. Wir üben doch alle gemeinsam für das Weihnachtskonzert. Und Annett, unsere Chorleiterin, freut sich über jedes Kind, das mitmachen will. Ehrlich.“ Mo hebt den Kopf. „Glaubst du wirklich?“ „Ganz sicher“, antwortet Charlie. 

Ein neuer Klang für das Konzert

Im Musikraum tobt der Lärm, als Charlie gemeinsam mit Mo hereintritt. „Charlie! Da bist du ja wieder… und du hast das Lied gefunden?“ Charlie macht einen Schritt vor. „Ja. Mo hat es genommen. Aber nicht, um uns zu ärgern. Er wollte nur heimlich üben.“ Überrascht schwenkt Annetts Blick nun auf den blonden Jungen. Der senkt den Blick, bevor er zerknirscht zugibt: „Ich wollte schon so lange im Chor mitsingen. Aber ich dachte, ich bin nicht gut genug. Deshalb hab ich mir die Noten ausgeliehen. Ich wollte alles wieder zurückbringen, wirklich.“ Für einen Moment sagt niemand etwas. Dann lächelt Annett warm: „Mo, singen ist für alle da. Du musst keine Angst haben, ob du gut genug bist. Wichtig ist, dass du Freude daran hast. Wenn du möchtest, kannst du ab heute offiziell dabei sein.“ Mos Augen blitzen, als er das hört und fangen vollkommen an zu strahlen, als die anderen Kinder zustimmend nicken. „Wirklich?“, fragt Mo kaum hörbar.
„Wirklich“, versichert Annett. „Und jetzt, wo wir die Noten haben, lasst uns gemeinsam schauen, wie das Lied klingt!“ Der Klang der Kinderstimmen füllt den Raum und erzeugt eine wohltuende Wärme, die alle einnimmt. Als der letzte Ton verklingt, herrscht vollkommene Stille. Auf Charlies Gesicht breitet sich ein zufriedenes Lächeln aus. Sie blickt zu Mo, der über das ganze Gesicht strahlt und weiß: Das Weihnachtskonzert wird stattfinden, mit allen Liedern. Und es wird schöner werden als gedacht. 

 

 

Na, bist du jetzt in Weihnachtsstimmung? Falls noch ein kleiner Schubser in die Richtung fehlt, lies dir gerne die Weihnachtsgeschichte von letzter Woche durch: „Eine Adventsgeschichte: Zu spät zum Weihnachtsfest?“. Falls es dir schon etwas zu weihnachtlich wird, lenk dich doch ein bisschen mit Wissenswertem über die Olympischen Winterspiele 2026 ab. Wer noch Weihnachtsgeschenke braucht, schaut am besten auf dem Reservix-Ticketportal vorbei. Und um ansonsten auf dem Laufenden zu bleiben und keine (Weihnachts-) Rabattaktionen zu verpassen, folge uns auf TikTok, Instragram und Facebook.

Lilian

Ich bin seit 2023 Teil der Online-Redaktion. Weil Worte bekanntlich der Schlüssel zur Seele sind, schreibe ich nicht nur beruflich Artikel fürs Ticketmagazin, sondern privat auch Songs über alles, was mich so bewegt. Wenn zwischen Musik und Arbeit dann noch etwas Zeit übrig bleibt, studiere ich nebenher irgendwas mit Medien und Sprache.