Eine Adventsgeschichte: Zu spät zum Weihnachtsfest?

Verschneite Landschaft mit Bergen und einer Berghütte

Die Tage werden kürzer, in den Bergen fällt der Schnee und Weihnachten rückt mit schnellen Schritten näher. Auch dieses Jahr haben wir etwas vorbereitet, das ganz besondere Adventsfreude aufkommen lässt. Zu jedem Adventssonntag erwartet dich eine neue Geschichte! Mach’s dir bequem, schnapp dir eine Tasse Tee und lass dich von „Eine Adventsgeschichte: Zu spät zum Weihnachtsfest?“ in die winterliche Bergwelt entführen.

Coming Home

Ich hatte Weihnachten nie so richtig verstanden. Für mich war es immer ein bisschen zu viel: zu hektisch, zu laut, ein ständiger Wettkampf darum, wer die schönsten Plätzchen backte oder die perfekt durchdachten Geschenke überreichte. Trotzdem saß ich nun wie jedes Jahr im alten VW meines Großvaters, unterwegs zur Familienhütte in den Bergen, und – zu meiner eigenen Überraschung – freute ich mich. Nicht auf das Fest selbst, sondern auf uns. Auf das liebevolle Durcheinander, das entsteht, wenn man ein paar Tage zusammen mit seinen Liebsten unter einem Dach verbringt.

Meine Schwester Rahel hatte mich zuvor am Bahnhof abgeholt. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, die Haarspitzen rot gefärbt. „Ein bisschen Weihnachtsdeko für meinen Kopf“, sagte sie vollkommen ernst. Im Gegensatz zu mir liebte sie Weihnachten schon immer und konnte gar nicht genug von Weihnachtsliedern bekommen. Als sie mich umarmte, merkte ich, wie sehr ich sie vermisst hatte – ein ganzes Jahr voller zu seltener Treffen und viel zu vieler Sprachnachrichten lag hinter uns.

 

Winterruhe? Von wegen.

Die Hütte meiner Großeltern lag ganz oben auf dem Berg, am Ende der Serpentinen, die kurz vor dem Wald endeten. Als wir ankamen, war alles bereits wie jedes Jahr: Meine Eltern hetzten zwischen Töpfen, Pfannen und Telefonaten umher. Sie versuchten verzweifelt, einen Zeitplan einzuhalten und nahmen unsere Ankunft nur nebenbei mit einem kurzen Nicken wahr. Meine Großeltern freuten sich, uns zu sehen. „Mika, Rahel!“, riefen sie und umarmten uns überschwänglich, als müssten sie alles auf einmal nachholen. Auch wenn sie inzwischen wirklich älter geworden waren, hatte ich das Gefühl, sie genossen den jährlichen Trubel. Unsere Tanten waren noch nicht eingetroffen und allgemein lag wieder eine angespannte Konzentration in der Luft – jeder schien darauf bedacht zu sein, dass bis zum Abendessen um Punkt 20:00 Uhr alles perfekt war.

Ich stellte meine Tasche in das Zimmer von Rahel und mir und hörte bereits im Flur, wie sie schon wieder durchgehend irgendwelche Weihnachtslieder sang, mit einer Begeisterung, die ihr etwas Kindliches verlieh. Ich atmete tief ein und dachte nur: Ich hatte es doch ein bisschen mehr vermisst, als ich zugeben wollte.

Weihnachtstradition

Kaum war ich wieder in der Küche, um zu fragen, ob ich helfen könne, rief mein Vater aufgeregt: „Wir haben die Sahne vergessen!“ „Wie jedes Jahr“, dachte ich nur und ich war derjenige, der noch mal ins Tal fahren musste. Ich schnappte mir die Schlüssel, trat hinaus in die frostige Winterluft und spürte sofort die trockene Kälte in den Lungen. Der Weg nach unten war frei und der Schnee glitzerte frisch unter den Straßenlaternen. 

Es war bereits kurz nach sieben und der Supermarkt würde bald schließen, ich musste mich wirklich beeilen. Bei meinen Eltern war Pünktlichkeit Gesetz. Es war zwar nicht immer meine Schuld, aber ich war schon immer derjenige gewesen, der das nicht besonders ernst nahm. Im Supermarkt griff ich nach der Sahne und versuchte, nicht durchgehend gestresst auf die Uhr zu schauen. Als ich wieder in die kalte Winterluft trat, war es bereits zwanzig vor acht.

Ich lief schnell zurück zu dem alten VW und spürte sofort, wie der Wind stärker wurde. Der Schneefall setzte erneut ein und das Auto sprang nur schwer an. Bereits bei der dritten Kurve begann das Auto zu rutschen. Ich bremste abrupt, stieg aus und befestigte die Schneeketten. Meine Finger waren nach kurzer Zeit taub vor Kälte. Wieder eingestiegen, versuchte ich, das Auto in Bewegung zu bringen, zunächst vorsichtig, dann mit viel Nachdruck. Der Motor röhrte einmal, zweimal und verstummte sofort wieder. Nach mehreren vergeblichen Versuchen herrschte endgültige Stille unter der Motorhaube.

Als ich erneut ausstieg, spürte ich direkt, wie der Schnee durch den Stoff meiner Hose drang. Zeitdruck und Kälte – keine gute Kombination. Trotzdem versuchte ich ruhig zu bleiben. Dieses Jahr würde ich nicht wieder zu spät kommen. Ich wollte gerade zur Motorhaube gehen, da hörte ich plötzlich Schritte hinter mir.

 Ein bekanntes Gesicht

Eine ruhige Stimme fragte, ob ich Hilfe brauchte. Ich drehte mich um und für einen Moment war ich mir nicht sicher, ob das Wetter mir Halluzinationen bescherte. Leon. Der Junge aus Köln, den ich getroffen hatte. Derjenige, den ich tatsächlich auch öfter treffen wollte. Derjenige, den ich dann doch unabsichtlich versetzt hatte, weil mein Leben manchmal ein echtes Chaos war – und von dem ich danach nichts mehr gehört hatte, verständlicherweise. Und jetzt stand er hier, mitten im Schnee, mit den gleichen dunklen Locken, offensichtlich genauso überrascht wie ich. „Mika?“, fragte er. Ich verharrte immer noch weiter in Schockstarre. „Was für ein Zufall“, sagte er mit einem ironischen Unterton, als wäre es völlig normal, sich nach einem Jahr mitten in den österreichischen Alpen wiederzutreffen. Er schaute gemeinsam mit mir Richtung dampfende Motorhaube und bot an, mich bei dem Sturm lieber direkt nach oben zu fahren. Erleichtert und schon ziemlich zitternd vor Kälte bedankte ich mich. Auf der Fahrt erzählte er, dass er für ein paar Wochen hier sei, um als Skilehrer zu arbeiten.

Geschwisterliche Intuition

Wir fuhren den Weg nach oben und überraschenderweise war es fast entspannt. Gerade dachte ich daran, mich für damals zu entschuldigen, da tauchte in der zweiten Kurve eine Gestalt auf, die auf uns zu rannte. Rahel. Sie stürmte den Hang hinunter, als hinge ihr Leben davon ab. Die Schuhe standen halb offen und der Wind peitschte ihr sichtlich ins Gesicht. Als sie direkt vor dem Auto im Scheinwerferlicht abbremste, erkannte sie mich. Ihre Schritte verlangsamten sich, und schließlich kam sie neben dem Wagen zum Stehen. Noch bevor wir ganz hielten, drückte ich die Tür auf und streckte den Kopf hinaus. Rahel war völlig außer Atem und leichte Sorge lag in ihren Augen: „Ich wusste, dass irgendwas nicht stimmt! Ich hab zu Mama und Papa gesagt: Als ob er an Heilig Abend trödelt – irgendwas muss passiert sein!“ „Ja, der alte VW hat den Geist aufgegeben“, antwortete ich und merkte, wie mich die geschwisterliche Intuition meiner Schwester kurz emotional machte. Rahel seufzte nur. „War ja nur eine Frage der Zeit.“  Ich folgte ihrem Blick: zuerst zu Leon, dann zu mir und sah ihr leichtes Grinsen. „Gut. Ihr lebt. Dann los. Mama dreht schon fast durch.“ „Ich bringe euch gerne noch bis zur Hütte“, kam es von Leon.

Punktlandung

Wir kamen gerade noch rechtzeitig an, knapp bevor das Essen serviert wurde. Als wir die Tür öffneten, entfuhr meinem Vater ein leiser Seufzer, und sofort spürte ich die Erleichterung, die in der Luft lag. Meine Mutter nahm mir wortlos die Sahne ab, legte mir eine warme Decke über die Schultern und flüsterte: „Gut, dass ihr alle heil angekommen seid. Danke.“ Ich drehte mich zu Leon um und murmelte ebenfalls ein leises: „Danke… und sorry, das war wirklich nicht meine Absicht damals.“ Dann ließ ich ihn durch die Tür  treten. Bevor er aus der Tür ging, sagte er noch: „Vielleicht melde ich mich mal, wenn ich wieder zurück in der Stadt bin.“ Ich konnte mir mein Grinsen nicht verkneifen und sah zu meiner Schwester, die mir mit amüsiertem Blick Frohe Weihnachten wünschte und lachte. Toooll! Jetzt konnte das Weihnachtsfest doch noch pünktlich und zur Zufriedenheit meiner Eltern beginnen. Und auch ich freute mich auf das Essen und die Geschenke, auch wenn ich das Gefühl hatte, für mich war es schon jetzt ein ganz besonderes Weihnachten.

Auch nächsten Sonntag erwartet dich eine neue winterliche Geschichte aus unserer Reihe. Um die Zeit bis dahin ein wenig zu überbrücken, entdecke hier Lichtershows im Winter. Wirf außerdem einen Blick in unser Ticketmagazin und entdecke weitere spannende Artikel zur winterlichen Zeit und lese zum Beispiel Wissenswertes über die Olympischen Winterspiele 2026. Und damit du auch sonst nichts mehr verpasst, schaue gern auf unseren Social-Media-Kanälen vorbei – bei Instagram, TikTok und Facebook bleibst du immer auf dem Laufenden.

Emma

Seit 2024 bin ich Teil der Online-Redaktion. Wenn ich nicht gerade an einem Artikel schreibe, findet man mich meistens mit einem Buch in der einen und einem Kaffee in der anderen Hand. Ich liebe es, neue Musik zu entdecken und tanze für mein Leben gern auf allen möglichen Festivals und Konzerten. In der restlichen Zeit studiere ich noch irgendwas mit Medien.