Eine moderne, lustige Weihnachtsgeschichte – Ja, es gibt einen Weihnachtsmann

Lustige Weihnachtsgeschichte

Die moderne, lustige Weihnachtsgeschichte, die wir euch heute erzählen möchten, begann mit einer harmlosen E-Mail an den Weihnachtsmann: „Lieber Herr Weihnachtsmann, ich bin acht Jahre alt. Manche meiner kleinen Freundinnen sagen, es gäbe dich nicht. Bitte, sag mir die Wahrheit. Wenn es dich gibt, sende an Heiligabend einen roten Schweif über unser Dorf. Wenn nicht, weiß ich, dass du nichts als Humbug bist und ich behalte die frischen Kekse mit der Mandelmilch ganz für mich. Gruß aus Neudorf, Deine Trina“.

Grünkohl zur Milch

Beim Lesen bibberten ihm die Hände und Schweißperlen sammelten sich auf seiner durchfurchten Stirn, als der Weihnachtsmann Trinas Zeilen las. Es kommt immer mal wieder vor, dass besorgte Kinder ihn um einen Beweis für seine Existenz bitten. Für gewöhnlich genügt es, einen Hilfswichtel damit zu beauftragen, ein schönes Gedicht zu verfassen und es mit ein paar Zuckerstangen zu versenden. Ein Kärtchen mit seiner Unterschrift dazu und die Kinderwelt wäre wieder in Ordnung. Doch in letzter Zeit kamen mehr und mehr derartiger Mails, die voll von Skepsis und Unglaube waren. Kinder aller Kontinente drohten ihm damit, keine Kekse mehr rauszurücken. Und dies beunruhigte den Mann mit dem Barte natürlich ungemein. Schlimme Erinnerungen an das Jahr 187 v. Chr. brodelten in ihm auf, als die Zuckerrübenernte so schlecht ausfiel, dass die Kinder dem Weihnachtsmann nur Grünkohl zur Milch rausstellen konnten – ganze acht Pfund magerte er damals ab! Zuckerentzug konnte ihn ungemein mürrisch machen. „Dass mir sowas nicht nochmal geschieht, das werde ich zu verhindern wissen!“, sagte der Weihnachtsmann zu sich. Er wischte sich den Schweiß von seiner Stirn, naschte ein Stück Baumkuchen und kam zu neuen Kräften. „So!“, rief er fest entschlossen, „nun braucht es einen weihnachtstastischen Plan!“

Flinken Schrittes stolperte der Weihnachtsmann durch seine Fabrik am Nordpol, fest entschlossen, seine Wichtel-Kumpanei um Rat zu fragen. Dabei war es ein ganz schöner Weg bis in die Werkstätten. Und er musste zunächst einmal den Kakaowald, die Papeteriestube und den Punschsalon durchqueren, bis er endlich seiner tatkräftigen Mannschaft gegenüberstand. Mit seinem kugelrunden Bauch voran stellte er sich stramm auf ein Podest und rief zu seiner Elfenschar: „Kompanie! Aufgepasst!“ Sobald alle fleißigen Helferinnen und Helfer bemerkt hatten, dass ihr Chef etwas zu sagen hat, legten sie die Werkzeuge beiseite und lauschten, was es zu berichten gab. Er schilderte die prekäre Lage seinen Wunderwichteln in allen Details und die drohenden Worte Trinas. „Das Ende von Weihnachten!“, „Bankrott am Nordpol!“ und andere schaurige Gerüchte bahnten sich ihren Weg durch die Reihen. Quasselige Tuscheleien zischten durch die Menge, manch ein Wichtel fiel vor Schreck sogar in Ohnmacht! Doch mit einer lieblichen Zuckerstange ward er wiederbelebt. Jedes Kind weiß schließlich, mit Zucker lassen sich alle Problemchen lösen. Und dennoch: Die Lage schien hoffnungslos, niemandem fiel eine Lösung zum Trina-Problem ein. Bis sich ein Elf mit feuerrotem Schnurrbart die stupsige Nase kraulte und plötzlich quieckte: „Heureka! Ich hab’s!“

Grübeleien und Zimtsterne

Währenddessen schlurfte Trina durch die verschneiten Straßen Neudorfs und dachte darüber nach, welche Blamage ihr eventuell bevorstand, wenn der Herr Weihnachtsmann ihrer Bitte nicht nachgehen würde. Schließlich hatte sie schon all ihren Freundinnen, die den Zweifel ja erst in ihr gesät hatten, von ihrer E-Mail erzählt. Und dass sie alle an Heiligabend aus dem Fenster schauen mögen, wo sie das rote Wunder am Himmelszelt erwartete. Doch erst jetzt kam ihr der Gedanke, dass man ihre Mail übersehen könnte. Herr Weihnachtsmann hat sicherlich Besseres zu tun, als sich um Trinas Wunsch zu kümmern! Mit ihren Eltern konnte sie nicht sprechen, denn „die haben eh keinen Sinn für so was“, wie Trina mit zerknirschter Miene vor sich her murmelte.
Noch ahnte niemand der ungläubigen Bewohnerinnen und Bewohnern von Neudorf, dass ihnen viel mehr bevorstand als ein roter Lichtschweif am Abend des 24. Dezembers. Nicht einmal Trina selbst konnte voraussehen, welch Wunder sich ereignen würde. Die letzten Tage vor dem weihnachtlichen Fest brachte sie mit Grübeleien und Zimtsternen zu. Doch kein Keks auf dieser Welt konnte ihre Ängste lindern – die Angst, dass der Weihnachtsmann womöglich tatsächlich nur Humbug sein könnte! So gingen die Tage dahin und der Heiligabend kam mit 30 cm Neuschnee. Die Luft glitzerte vor lauter Eisblumen, die im eisigen Sonnenschein tänzelten und selbst Trina in ihrem Grimm ein wenig Heiterkeit verschafften.

Alle Vorbereitungen waren nun abgeschlossen, das Haus geschmückt und der Tisch gedeckt. Die Tafel konnte nicht reicher gedeckt sein: Herzoginkartoffeln, strahlende Brechbohnen, dampfender Apfelrotkohl und andere Leckereien rankten um das Herzstück des Festschmauses. In der Mitte stand ein riesengroßer Nussbraten, der mit Korinthen und Thymian bekränzt war. „Papa hatte sich mal wieder selbst übertroffen!“, stimmte die Familienrunde ein, als sie sich zum festlichen Mahl niederließ. Alles schmatzte und kaute wohlig, als Trina da plötzlich ein merkwürdiges Gepolter vernahm. Sie schien als einzige zu bemerken, dass auf dem Dach etwas vor sich ging. Es rumpelte und stampfte und trampelte! Also entschied Trina sich, selbst nachzuschauen.

Die hölzerne Treppe knarrte auf ihrem Aufstieg zum Dachstuhl, die Kerze in ihrer Hand flackerte wild. Je mehr sie sich den Geräuschen näherte, desto mulmiger wurde ihr zumute. Was, wenn es Knecht Ruprecht war? Oder der Struwwelpeter, Rumpelstilzchen oder vielleicht … ein waschechtes Gespenst! Mit einem kräftigen Kopfschütteln warf sie die bösen Gedanken von sich ab. Trina sagte laut zu sich: „Humbug! Wenn es schon keinen Weihnachtsmann gibt, gibt es auch keinen Knecht Ruprecht!“ Da erschall plötzlich ein so lautes Gelächter, dass das ganze Haus bebte. „Ho ho ho, da muss ich dich enttäuschen! Ho ho ho, Ruprecht ist doch mein jüngerer Bruder!“ Vor Schreck krallte die kleine Trina sich am Treppengeländer fest, beinahe wäre sie gestürzt.

Das Wunder von Neudorf

Mit einem Mal brach das Poltern und Lachen ab und ein roter Punkt leuchtete in der Dunkelheit vor ihr auf. Der kam näher und näher, bis plötzlich eine hochgewachsene Gestalt im Lichtkegel ihrer Kerze stand. Kugelrund türmte sich der Herr im zinnoberroten Mantel vor ihr auf, die Nase leuchtend rot wie sein Gewand. „Fürchte dich nicht, liebes Kind! Mir ist zu Ohren gekommen, dass du deinen Glauben an mich verloren hast. Ist denn das wahr, liebes Kind?“
Trina nickte verschüchtert und bestaunte ihr Gegenüber mit großen Augen. Er war es wirklich. Er war höchstpersönlich zu ihr, der achtjährigen Trina nach Neudorf gekommen, um ihren Glauben wieder zu entfachen. „Na, dann bleibt mir nichts weiter übrig, als dir mal gehörig den Kopf zu waschen, bevor ich meine treueste Anhängerin verliere. Hör gut zu! Weißt du, mit den Menschen ist es in etwa so: Sie glauben an nichts, was sie nicht sehen. Sie glauben, dass nichts sein kann, was ihr kleiner Verstand nicht fassen kann. Der Verstand, Trina, sei er nun von Erwachsenen oder Kindern, ist immer klein. Das Universum ist zu groß, als dass es ein simples Wesen wie der Mensch fassen könnte. Glaubst du an die Liebe? Freundschaft? Großzügigkeit?“ Erneut nickte Trina und ein rosa Schleier legte sich auf ihre kühlen Apfelbäckchen, denn es zog vom offenen Dachfenster hinein.
Herr Weihnachtsmann fuhr fort: „Natürlich tust du das! Wo stünden wir ohne Liebe in der Welt? Und nun sage mir, kannst du Liebe und Freundschaft und Großzügigkeit mit deinem bloßen Auge sehen? Liebevolle Gesten, natürlich. Aber das Gefühl ist etwas, das du in dir trägst. Etwas Immaterielles, das den Menschenaugen unsichtbar bleibt. Die wirklichsten Dinge der Welt sind jene, die wir nicht sehen können. Und so steht es auch mit mir, dem Weihnachtsmann. Nicht an den Weihnachtsmann glauben! Du könntest ebenso gut nicht an Elfen glauben! Und trotzdem gibt es sie, gibt es mich.“ Sein Rauschelbart zitterte ihm bei jedem Windstoß, der Bommel seiner roten Mütze lag tief in seiner Stirn. Ulkige Fältchen durchzogen das Gesicht des Mannes, der angeblich schon Jahrtausende auf Erden weilen sollte.

Ohne Glaube, kein Weihnachtsmann

Sie versuchte zu verstehen, warum der Weihnachtsmann am geschäftigsten Tag seines Arbeitsjahres gerade sie zu einem persönlichen Besuch auserkoren hatte. In ihrem Staunen fiel Trina nichts anderes ein, als die dämliche Frage: „Und warum gerade ich?“. „Weißt du, liebe Trina … Viele verlieren im Laufe ihres Erwachsenenlebens den Glauben an mich. Unter den quadrillionen Menschen auf diesem Planeten gibt es nur ein paar wenige, die ihren Glauben an die nächste Generation weitertragen. Vor 100 Jahren schrieb mir die kleine Virginia aus New York City einen ähnlichen Brief wie du heute. Und schon damals wusste ich, dass ein einfacher Brief als Antwort nicht genügte. Ohne Kinder wie dich und Virginia würde der Glaube an mich aussterben. Und ohne Glaube, kein Weihnachtsmann. Ohne mich, kein anständiges Weihnachten. Das verstehst du doch?“ Trinas Augen weiteten sich vor Stolz und wurden großglimmernd wie Tannenbaumkugeln. Dass gerade sie so wichtig für den Weihnachtsmann war, darauf wäre sie in zentrilliarden Jahren nicht gekommen! Diese tolle Weihnachtsgeschichte wird sie noch ihren Kindeskindern erzählen.

„Also? Sind wir quitt?“, fragte der Weihnachtsmann mit neckischem Grinsen. „Deal!“, jauchzte Trina und fiel vor lauter Freudentaumel direkt in seine Arme. „Ho ho ho“, lachte der Weihnachtsmann aus vollem Bauch. „Na, dann kann ich ja beruhigt meinen Heimweg einschlagen!“ Eine letzte Umarmung besiegelte den Abschied und Trina versprach hoch und heilig, nie wieder auch nur den Hauch eines Zweifels zuzulassen. Sie geleitete den Weihnachtsmann hinaus auf’s Dach und winkte, als er die Zügel anzog und seine Rentiere im Galopp zum Flug starteten. Mit einem zischenden Brausen flog der Schlitten davon, höher und höher, bis Trina nichts als blanken Sternstaub sah. So eben wollte sie zurück ins Haus zu ihrer Familie, als sie sich ein letztes Mal umdrehte: Alles was vom Weihnachtsmann übrig blieb, war ein strahlend roter Lichtschweif am Himmelszelt – und das Lächeln einer zufriedenen Trina.

Und wie feiert ihr Weihnachten heute? Reservix wünscht allen Leserinnen und Lesern eine besinnliche Weihnachtszeit!

Falls ihr noch eine Weihnachtsgeschichte nachlegen wollt, haben wir hier eine weitere Geschichte parat.

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Musa

Seit 2017 bin ich Teil des Reservix-Teams. Wenn ich nicht für das Ticketmagazin schreibe, verbringe ich im flackernden Kerzenschein einsame Stunden an meiner Schreibmaschine, um humanistische Liebesgedichte und Fanbriefe an Paul McCartney zu verfassen. Gerne auch zu einem Gläschen Malzbier.

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