Der Einsamkeit zum Trotze – Interview mit Sarah Lesch

Mit „Der Einsamkeit zum Trotze“ liefert Sarah Lesch wohl das Album zur Stunde. Welche Tipps die Liedermacherin gegen Einsamkeit hat, was ihre Pläne nach den Einschränkungen sind und warum Zusammenhalt nicht nur in Krisenzeiten wichtig ist, erfahrt ihr in unserem Interview. Viel Spaß damit!

Deine letzte EP „Den Einsamen zum Troste“ enthielt Cover, die ja auch schon um das Thema Einsamkeit kreisten. Auf dem kommenden Studioalbum „Der Einsamkeit zum Trotze“ schaust du nun aus deiner Sicht auf dieses Thema. Hat es dich Überwindung gekostet, so persönlich darüber zu sprechen?

Ich habe noch nie so zurückgezogen und isoliert gelebt wie in den letzten paar Jahren. Oft hatte ich vorher das Bedürfnis, einfach mit einem Rucksack auszuwandern. Und das habe ich auch getan, nur eben nach Innen. Ich bin durch meine eigene Brust gereist. Für das, was ich da gefunden, gesehen und gespürt habe, habe ich keine Worte. Nur Lieder. Wenn die dann da sind, fällt es mir nicht mehr schwer, sie vorzusingen oder darüber zu reden. 

Und wenn wir’s richtig anstellen und das nicht wieder vergessen, können wir vielleicht ein bisschen was Gutes daraus mitnehmen. In Krisenzeiten lernt man immer mehr als in Sonnenzeiten.

Der Chorus deines im Februar releasten Songs „Der Einsamkeit zum Trotze“ hat die schöne Zeile „Wir schaffen das nur gemeinsam, der Einsamkeit zum Trotze“. Was zeichnet für dich die Qualität von Gemeinschaft aus und warum ist Zusammenhalt gerade jetzt notwendiger als je zuvor?  

Zusammenhalt war schon vorher dringend wieder notwendig. Insofern ist die jetzige Not für eines gut: Dass die Menschen gerade wieder merken, dass es ohne andere Menschen nicht geht. Diese Krise ist ja wie ein Spiegel, sie zeigt eigentlich nur, was vorher schon nicht gut lief. Und wenn wir’s richtig anstellen und das nicht wieder vergessen, können wir vielleicht ein bisschen was Gutes daraus mitnehmen. In Krisenzeiten lernt man immer mehr als in Sonnenzeiten.

 

Aktueller als „Der Einsamkeit zum Trotze“ könnte ein Albumname ja kaum sein. Viele Menschen kennen das Gefühl der Einsamkeit, nicht nur in herausfordernden Zeiten wie jetzt. Wie gehst du selbst mit Einsamkeit um und hast du vielleicht ein paar Tipps, was man dagegen machen kann?

Ich habe gelernt diese Einsamkeit als Freundin an meiner Seite anzunehmen, die mich stets begleitet. Manchmal brauch ich sie und manchmal geht sie mir auf den Wanst – wie das eben bei Freunden so ist. Ich glaube das Einzige, was gegen Einsamkeit hilft, sind andere Menschen. Dazu muss man sich in all seinen Sonnen- und Schattenseiten annehmen und dann klappt es auch mit den anderen Leuten wieder. Wenn man die Einsamkeit gerade mag, empfehle ich ein schönes Gedichtbuch und eine Bank im Wald und loslassen. Ganz viel loslassen.

 

Wenn man sich ein bisschen in deiner Biographie umschaut, wird schnell klar, dass du schon an vielen Orten in Deutschland gelebt hast. „Ein Kind des Ostens und des Westens“ wie du in einem Interview mal gesagt hast. Wie hat sich dieses Unterwegssein und der Wechsel der Wohnorte auf deine Entwicklung als Künstlerin ausgewirkt?

Irgendwie habe ich mich nie so richtig ganz zugehörig gefühlt. Ich glaube, das war auch für mich ein ganz schöner Einschnitt, die Wende und all ihre Folgen. Wie es meinen Großeltern und meiner Mutter damit ging, habe ich als Kind natürlich gespürt. Und ich wurde mit allem beschenkt und beworfen, was nach Westen und Amerika aussah. Mickey Mouse, Barbie und Mc Donalds und Milka bis zum Erbrechen. Gut gemeint, ist nicht immer gut gemacht. Aber das waren vielleicht auch einfach die Neunziger. Bei all dem Konsum ist es schon verrückt, dass ich meinen bisher größten Erfolg mit einem Konsumkritischen Lied hatte. Sorry Mama. 

Meine Mama zum Beispiel war eine sehr emanzipierte Frau und ist dort, in der schwäbischen Provinz, damit ganz schön angeeckt. Vielleicht bin ich deshalb so eine kleine Rebellin geworden, weil diese Reibung zu spüren, einfach ein Teil meines Lebens ist. 

 

Immer wieder wirst du als Songpoetin bezeichnet, wenn über dich oder mit dir gesprochen wird. In „Testament“ erzählst du von der Welt, die wir der nächsten Generation überlassen; greifst in anderen Songs wie „Der Kapitän“ aber auch gesellschaftliche Themen auf. Siehst du dich selbst als eine politische Künstlerin? 

Ich sehe und spüre jeden Tag, welche Wirkung ich auf Menschen habe, mit dem was ich sage, singe und in ihnen zum Schwingen bringe. Ich glaube, dass alles was wir tun, politisch ist. Alles ist eins. Wenn ich Menschen beeinflusse, dann ist das nicht immer direkt an einer Statistik festzumachen. Aber doch gehen sie anders aus dem Konzert, als sie gekommen sind. Und auch ich gehe anders aus jedem Abend. Ich bin ein Mensch, der hier lebt, eine Frau in der Selbstständigkeit. Eine Mama. Eine Enkelin und eine Schwester. Was mit mir und den Menschen um mich ist, kann mir ja gar nicht egal sein. Es geht mich etwas an, wenn die Dinge nicht gut laufen. Und dann muss ich es auch in meine Kunst fließen lassen. Alles andere wäre sinnlos.

Und ich glaub, dann muss ich DRINGEND irgendjemanden knutschen und mich in mein Lieblingskaffee setzen und viele viele schwülstige Gedichte schreiben.

Was ist das Erste, was du machen wirst, wenn sich die aktuelle Situation beruhigt hat und die Maßnahmen zur Einschränkung des Coronavirus gelockert werden?

Ich werde meinen Opa feste und lang in den Arm nehmen und ihm dann lange den Rücken kraulen. Dann schnapp ich mir meinen Sohn und fahre mit ihm an die Ostsee zu meiner lieben Familie. Und ich glaub, dann muss ich DRINGEND irgendjemanden knutschen und mich in mein Lieblingskaffee setzen und viele viele schwülstige Gedichte schreiben. Mit Menschen am Nebentisch.

Seid ihr neugierig auf Sarah Leschs Musik geworden? Das Album “Der Einsamkeit zum Trotze” erscheint am 22.05.2020. Sichert euch hier das neue Album auf CD, LP oder als exklusive Box. Und wer gar nicht genug von Sarah Lesch bekommen kann und live erleben möchte, wie die Liedermacherin ihre persönlichen und klugen Lieder performt, schaut am besten noch hier vorbei. 
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Patrick

Seit Herbst 2017 bin ich Teil der Reservix-Redaktion. Zu meinen Hobbys gehören Textkorrekturen, Teilzeit zu arbeiten und die Theoretisierung arbeitsweltlicher Transformationsprozesse. Zweck-Alliterationen mag ich übrigens nicht.

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