Theater oder nicht Theater, das ist hier die Frage!

Warum ins Theater gehen?

In Zeiten von Streaming-Diensten, Free-TV und YouTube ist es gar nicht so leicht, seine vier Buchstaben aus der gemütlichen Stube zu bewegen. Daheim die Chipstüte und den Softdrink liegen zu lassen, um sich hin und wieder die nötige Portion Kultur abzuholen. Manche Events aus dem Angebot der blühenden Kulturlandschaft kommen besser an, andere schlechter. Trotz hoher Ticketpreise hat sich am Charme des Kinobesuchs nichts verändert. Live-Konzerte erfreuen sich weiterhin größter Beliebtheit – ob nun das klassische Streichquartett oder der naserümpfende Rapper performt. Und diverse Kleinkünstler füllen die alternativen Ladenlokale jeder Kleinstadt, wo vegane Gerichte auf den Speisetafeln und Poetry Slammer auf der Bühne stehen.

Der Mensch ist ein Kulturliebhaber. Wir wollen Lesungen, Filmvorstellungen, Tanz, Kabarett, Kunstausstellungen, Musik. Wie kommt es dann, dass viele dem Theater als „verstaubte“ Kunstform so skeptisch gegenüberstehen? Rote Zahlen beweisen die niedrige Auslastung der Zuschauersäle, Privattheater müssen schließen, „freie“ Theaterschauspieler bleiben arbeitslos. Es wird Zeit, sich die ernsthafte Frage zu stellen: Lohnt sich der Gang ins Theater überhaupt noch? Die wichtigsten Klassiker hat man irgendwann alle gesehen und vielleicht sogar die Nase voll davon, wie jede dritte Inszenierung nackt und rauchend dargestellt oder mit lauter Technomusik unterstrichen werden muss. Ist das jetzt Kunst oder Performance oder ist das eine echte Reinigungskraft, die da die Bühne wischt?

1000 oder 5 Gründe, warum man ins Theater gehen sollte

Also: Weshalb noch ins Theater gehen? Wir fangen mal ganz praktisch an: Weil eine Theaterkarte mittlerweile weniger kostet als der Gang ins Kino. Studenten unter 30 Jahren kommen teils für läppische 5 Euro in den Theatersaal, während man im Kino schnell mal 10 Euro für eine Karte los ist. Popcorn und Getränk sind dort nur für utopische Preise verfügbar – da überlegt man zwei Mal, ob man den trockenen Hals nicht doch noch ein paar Stunden aushält, bis man wieder am heimischen Vorratsschrank steht.

Weil man sich den Kinofilm zwei Monate später auch auf DVD kaufen oder online downloaden kann, die Theatervorstellung aber nicht. Was auf der Bühne geschieht, könnt ihr nur mit eigenen Augen erleben. Es ist exklusive Ware, wenn man so will. Selten werden Inszenierungen aufgenommen und in die mediale Welt befördert.

Weil im Theater magische Dinge passieren. Die Bühne schafft Bilder, welche wir sonst nie zu Gesicht bekämen. Schau beim nächsten Theatergang mal genauer hin. Du wirst Standbilder entdecken, die kaum länger als drei Atemzüge andauern. Allein diese stummen Motive können den Kerninhalt eines ganzen Romans treffen oder ein Gedicht nacherzählen. Metaphern, Allegorien und Vergleiche entstehen nicht auf der Bühne, sondern im Bewusstsein des Zuschauers. Es geht also nicht ums Verständnis oder eine gelungene Interpretation. Alles was du brauchst, sind deine Sinne. Natürlich reicht die heutige Filmtechnik aus, jede denkmögliche Fantasie in animierte Bilder zu transkribieren. Doch wie schön ist es, wenn all dieser Zauber live auf der Bühne passiert?

Apropos live: Weil im Theater alles passieren kann. Bei der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ 1889 im Lessing Theater Berlin soll ein Arzt vor Empörung beinahe eine Geburtszange auf die Bühne geworfen haben. „Ach, das ist ja auch schon über 100 Jahre her!“, sagst du? Erst in diesem Jahr sorgte der Intendanz-Wechsel der Berliner Volksbühne für Tumult. Weil Theaterpassionisten mit dem Einsatz des neuen Intendanten Chris Dercon nicht zufrieden waren, schickten sie ihm regelmäßig Drohbriefe, schütteten in aller Öffentlichkeit Biergläser über dem Kopf des Mannes aus oder hinterließen Fäkalienhaufen vor dem Theatergebäude. Selbst wenn nackte Haut allein nicht mehr ausreicht, um einen viralen Skandal auszulösen, Theater empört weiterhin.

Weil du die Schauspieler nach vollendeter Vorstellung noch auf ein Bier oder zwei in der nächsten Kneipe treffen kannst. Logisch leuchten auf deutschen Theaterbühnen keine Hollywood-Stars wie Brad Pitt oder Cate Blanchett. Wobei man nicht verkennen darf, wie angesehen deutsche Theaterproduktionen im internationalen Kontext angenommen werden. Und dass deutsche Exporte wie Daniel Brühl oder Diane Kruger, die mittlerweile Filme mit Top-Regisseuren wie Quentin Tarantino drehen, auch auf den kleinen Bühnen deutscher Schauspielschulen angefangen haben. Doch ob Filmstar oder Provinzdarsteller, eines ist gewiss: Schauspieler sind diskutierfreudig und gesprächig. Du wirst erkennen: Theater = Gesprächsstoff der explosiven Sorte. Wer also mal wieder tiefer in die Materie des Existenzialismus oder des Birnenschnapses eintauchen möchte, schnappt sich nach dem Theaterabend einen Darsteller und quatscht drauflos. Das ist wahrscheinlich der letzte Ort, wo die Verwendung des Satzes „Man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen“ Sinn macht.

Und wenn man mal genauer darüber nachdenkt: Wie viele schlechte Filme kommen tatsächlich auf schlechte Theaterabende? Dem Theater ein, zwei, drei Chancen zu geben, kann dem Menschen Türen zu Sternenbildern eröffnen, die plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt scheinen. Doch du siehst auch: Wer dem Theater so verfallen ist wie wir, neigt zum Kitsch. Finde selbst heraus, welcher Theater-Typ du bist. Du wirst es nicht bereuen.

Musa

Seit 2017 bin ich Teil des Reservix-Teams. Wenn ich nicht für das Ticketmagazin schreibe, verbringe ich im flackernden Kerzenschein einsame Stunden an meiner Schreibmaschine, um humanistische Liebesgedichte und Fanbriefe an Paul McCartney zu verfassen. Gerne auch zu einem Gläschen Malzbier.

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