Faszination Musicals

Die einen können nicht genug davon bekommen, die anderen winken dankend ab: Das Thema Musicals polarisiert. Aber was treibt die Fans in die Säle und was fasziniert uns an dieser Form von Unterhaltung? Eine Liebeserklärung an das populäre Musiktheater.

Ich war zehn Jahre alt, als ich mit meiner Familie zum ersten Mal in ein Musical gehen durfte. Es war „Starlight Express“ in Bochum, das Geschwindigkeitsspektakel auf Rollschuhen mit einer Prise Romantik und einer gehörigen Portion „Du kannst alles schaffen, wenn du nur an dich glaubst“. Ich hätte auf den ersten Blick verliebt sein können, aber das war ich nicht. Der Grund: Viren. Mich hatte ein grippaler Infekt erwischt, mit Fieber konnte ich die Show nicht genießen. Wahrscheinlich hätte man mich bei Oma und Opa gelassen, wenn die nicht mit dabei gewesen wären und die Karten günstiger. Also war es mir zu laut und hell und ich war froh, als ich endlich wieder im Auto saß.

Und trotzdem – irgendetwas blieb hängen. Sogar so sehr, dass ich in den folgenden Monaten meine alten Rollschuhe (die größenverstellbare Version, in die man mit normalen Straßenschuhen schlüpfte, um dann mehr schlecht als recht über den Asphalt zu kratzen) anschnallte und in meinem Zimmer die besten Szenen des Musicals nachspielte. Außerdem schnappte ich mir auch die Tonaufnahmen von „Cats“ und „Das Phantom der Oper“ und hörte sie mir an. Ob das der Beginn meiner Liebe zu Musicals war? Vielleicht. Aber nach einer Weile landeten die Rollschuhe wieder in der Ecke, die CDs mit der Musik im Schrank – und ich entdeckte Boygroups für mich. Im Fangirlrausch für die Backstreet Boys, N’Sync und eine weitgehend unbeachtete Formation namens Take 5 war kein Platz für singende Katzen oder Raoul Vicomte de Chagny.

Lange blieben die Musicals aber nicht fern. In der Schule sahen wir „West Side Story“, meine Eltern gingen zu „Elisabeth“ und ich bekam die CD dazu. Als ich dann schon erwachsen war, machte ich mich mit einer Freundin auf den Weg nach Essen, um den Klassiker unter den Musicals anzuschauen. Die „Phantom der Oper“-Inszenierung stand zwar unter keinem guten Stern, denn auf der Hinfahrt fielen im Regionalzug alle Toiletten aus und zu Beginn des ersten Aktes wollte sich der Kronleuchter partout nicht an die Saaldecke ziehen lassen. Aber obwohl wir dann für eine halbe Stunde den Saal räumen mussten und der Leuchter vor der Pause nicht wie geplant mit großem Tamtam auf die Bühne krachte, sondern nur ein bisschen vor sich hinflackerte, war ich verzaubert. Verzaubert von dieser Art von Inszenierung einer Geschichte, verliebt in die emotionale Spannung und den Transport dieser Gefühle durch die Musik.

Aber dann geriet ich an Leute, die über diese Form von Unterhaltung die Nase rümpften. An Leute, die sagen, Musicals wären keine Kunst. Sie wären weder Fisch noch Fleisch – oder, in unserer heutigen veganen Zeit, weder Weizengras-Smoothie noch Chiasamen-Pudding. Ein bisschen Theater, ein bisschen Musik, dazu noch Tanz oder Akrobatik, das ist doch von allem etwas, aber nichts richtig.

Aber genau das ist es, was Musicals so besonders macht: Die Mischung, das Wechselbad der Gefühle, die volle Dröhnung an Emotionen jeder Richtung. Die Gänsehaut, wenn in „Tanz der Vampire“ Graf von Krolock die junge Sarah in seinen Bann zieht. Das Drama, wenn das in den Katakomben lebende Phantom nur durch die Stimme von Christine wieder neuen Lebenswillen spürt. Die Freude, wenn Tracy Turnblad in „Hairspray“ endlich ihren Traum leben darf, obwohl sie eigentlich nicht in das Schema der Produzenten passt. Und wer glaubt, Musicals wären nicht politisch oder könnten nicht aufrütteln, hat wohl noch nie etwas von „Hamilton“ gehört. Dazu gibt es opulente Bühnenbilder und tolle Kostüme – und großartige Stimmen, von denen so mancher Popstar träumt.

In der Welt des Musicals gibt es für jeden etwas zu sehen und zu hören, für den Klassikliebhaber ebenso wie für den Fan der Neuen Deutschen Welle, das Disney-Mädchen und alle Boxfilmfanatiker. Wer sich darauf einlässt, der erlebt vielleicht etwas ganz Neues, aber auf jeden Fall einen schönen Abend mit dem oder der Liebsten, mit guten Freunden oder auch allein mit sich und der Macht der Musik. Und wer es sich entgehen lässt, nun ja. Selbst schuld.

Lena

Seit 2015 bin ich Teil des Reservix-Teams. Wenn ich nicht für das Ticketmagazin schreibe, findet man mich am Grill, auf dem Pferd oder mit der Nase im Duden – nur selten alles gleichzeitig.

No Comments Yet

Leave a Reply

Your email address will not be published.