9 Fragen an … ORSO – Orchestra and Choral Society

Den Sommer 2020 hatten wir uns eigentlich anders vorgestellt: Festivals hätten stattfinden und große Konzerte die Massen begeistern sollen — die Realität sah jedoch anders aus. Wie gehen Akteurinnen und Akteure der Veranstaltungsbranche mit der neuen Situation um?

In dieser Sonderausgabe der Rubrik „9 Fragen an …“ stellen wir dir die Orchestra and Choral Society (ORSO) vor: Eine gemeinnützige Kulturinstitution mit Sitz in Freiburg und Berlin, die verschiedene Chöre und Orchester wie ORSOphilharmonic und das ORSO – The Rock Symphony Orchestra unter einem Dach vereint. Wir haben mit dem künstlerischen Leiter des ORSO – Wolfang Roese – gesprochen:

1. Seit wann gibt es ORSO und wie ist seine Geschichte? 

Das ORSO entstand Anfang der 90er-Jahre aus einem Schulorchester heraus und wuchs schnell zu einem größeren Ensemble heran, bestehend aus großem Symphonieorchester, gemischtem Chor und Rockband. Das erste ORSOkonzert fand im März 1994 in der Festhalle Kippenheim vor etwa 800 ausflippenden Besucherinnen und Besuchern statt und war eigentlich als einmaliges Projekt mit nur einem Konzert gedacht. Doch durch den enormen Zuspruch gründete sich ORSO bald als Verein. Inzwischen ist ORSO ein semiprofessionelles Ensemble und konnte 2019 sein 25-jähriges Bestehen feiern.

2. Wie viele Musikerinnen und Musiker bzw. Choristinnen und Choristen spielen und singen bei ORSO mit und wer sind sie? 

Das kommt sehr auf das Repertoire an. Für eine typische Rock-Symphony-Produktion sind es etwa 120 Musikerinnen und Musiker und 80 Choristinnen und Choristen. Bei chorsymphonischen Werken kann die Besetzung auch mal gut 500 Mitwirkende erreichen. Die Mitwirkenden, auch ORSOianer genannt, sind eine wundervolle Mischung der unterschiedlichsten Menschen, wie ich das so nirgends sonst bisher erlebt habe: Über alle Ländergrenzen und Bildungsniveaus hinweg versammeln sich bei ORSO Menschen jeden Alters aus über 25 verschiedene Nationen. 

3. Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen für die Organisation der Konzerte?

Allein hauptamtliche Mitarbeitende waren es bis vor Kurzem sieben in den Büros in Freiburg und Berlin (zwei Kündigungen mussten bereits im Zuge der Corona-Krise ausgesprochen werden). Dazu kommen immer mal wieder Praktikantinnen und Praktikanten und eine Vielzahl von ehrenamtlichen Mitarbeitenden, Helferinnen und Helfern u. v. m. An einem Konzerttag selbst sind gut 50 Leute oder mehr im Einsatz.

4. Was ist das Besondere an ORSO? 

Zum einen ist es die ganz besondere Programmvielfalt und der Mut des Ensembles, außergewöhnliche Programme auf die Bühne zu bringen, die es so noch nie gab. Seien es neben den Rock-Symphony-Konzerten die vielfältigen Musik-Sprach-Konzepte des ORSOphilharmonic oder auch die großen Tanzproduktionen mit Matrix. Zum anderen ist es der Klangkörper selbst. ORSO kann sich geschickt und unverkrampft zwischen Stilen und Ästhetiken bewegen und wagt immer wieder aufregend Neues, pflegt aber auch traditionelles Repertoire. Dabei sind es natürlich die ORSOianer, die das Besondere ausmachen. Ich empfinde sie fast wie einen eigenen, besonders liebenswerten Menschenschlag und sie sind quasi meine Familie.

5. Gerade befinden wir uns in einer schwierigen Phase des Kulturlebens. Viele Akteurinnen und Akteuren der Veranstaltungsbranche behaupten, dass die Veranstaltungswirtschaft die nächsten 100 Tage nicht überstehe. Inwiefern wird ORSO von dieser Krise beeinflusst? 

Diese Behauptung trifft leider auch auf uns zu. Durch eine hohe Spendenbereitschaft innerhalb der ORSOianer sowie der Corona-Soforthilfen kommen wir gerade so über den Sommer. Besonders dankbar sind wir aber auch unserem Publikum, das bis auf einen einzigen Sonderfall seine Tickets behält und geduldig auf die Nachholtermine wartet. Das ist wirklich großartig. Sonst wären wir pleite. 

Ein Gutes hat die Krise für uns dennoch: Ich fühle mich das erste mal seit vielen Jahren wieder erholt, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht es ähnlich. Wir tanken gerade alle Kraft und Energie. Und es wäre eine gute Möglichkeit, an neuen Arrangements oder gar Kompositionen zu arbeiten.

ORSO kann sich geschickt und unverkrampft zwischen Stilen und Ästhetiken bewegen und wagt immer wieder aufregend Neues, pflegt aber auch traditionelles Repertoire.

6. Nun sind gemeinsames Singen und Musizieren in kleineren Ensembles wieder möglich, allerdings mit sehr strengen Hygienevorschriften. Wie geht ORSO damit um? 

Seit Monaten arbeiten wir nur über Videokonferenzen, wobei Probenarbeit da nicht wirklich möglich ist. Wir nutzen die Zeit, uns fortzubilden. Ich kann gerade alle ORSOianer ein bis zweimal pro Woche in Solfege, Gehörbildung, Blattlesen, Harmonielehre, Stilkunde, Partiturlesen, Rhythmik etc. trainieren. Wir hängen danach oft bis tief in die Nacht oder zum nächsten Morgen ab. Ein großer Spaß, aber noch lieber wäre uns natürlich das gemeinsame Singen und Feiern.

7. Für die Spielzeit 2019/2020 sind drei Filmmusik-Konzerte geplant, die im April und Mai in Berlin, Stuttgart und Freiburg hätten stattfinden sollen. Nun mussten aber alle Konzerte verlegt werden. Was bedeutet das für die Organisation? 

Zum einen war es schwierig, überhaupt an Ersatztermine in den Häusern zu kommen. Zumal die noch so liegen sollten, dass wir mit einer Probenphase hinkommen und nicht dreimal von vorne anfangen müssen, weil die Termine zu weit auseinander liegen. Dazu kommen Um- und Neubesetzungen, weil nicht 100 Prozent aller Mitwirkenden genauso ein Jahr später verfügbar sind. Andere Programme mussten wiederum weiter nach hinten geschoben werden, Probenpläne und Marketingaktionen neu geplant und konzipiert werden.

8. Welches Repertoire wird in diesen Konzerten präsentiert? 

Das Repertoire umfasst Filmmusik aus fast 100 Jahren mit dem Schwerpunkt Berlin/Hollywood und beleuchtet auch diese Beziehung zueinander, speziell mit Blick auf die 20er-, 30er- und 40er-Jahre. So spielen wir nicht nur die großen John-Williams-Kracher, sondern kombinieren diese mit Musik von Hanns Eissler, Korngold und anderen weniger bekannten, aber spannenden Komponistinnen und Komponisten.

9. Last but not least, was ist für die Zukunft geplant?

Wir hoffen, dass wir noch im kommenden Dezember wenigstens eines der Filmmusikkonzerte in Freiburg nachholen können (6. Dezember). Und in Berlin steht ein noch größeres Projekt in den Startlöchern: Nach acht Jahren soll erneut meine Schneekönigin“ im großen Saal der Philharmonie zur Aufführung kommen (22.12.2020). Im neuen Jahr stehen weitere Nachholtermine an, so u. a. für unser geplantes Beethovenprojekt sowie neues Rock-Symphony-Programm. So oder so: es bleibt spannend!

Wolfgang Roese. Bild: Klaus Polkowski

ORSO hat außerdem eine tolle Aktion geplant: Am 7. Juli 2020 lädt Wolfgang Roese exklusiv für Fördermitglieder und Karteninhaberinnen und Karteninhaber der Konzertformate „Hooray for Hollywood” zu einem Videotalk mit ihm ein. 

Und wer ORSO wieder persönlich erleben möchte, schaut gerne hier vorbei. 

Das Interview hat dir gefallen? Dann wirf doch einen weiteren Blick in unsere Rubrik 9 Fragen an …

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Evita

Seit 2020 bin ich Teil der Reservix-Familie. In meiner Freizeit beschäftige ich mich mit Musiknoten und #foodporn. Ansonsten spreche ich alle Katzen an, denen ich auf der Straße begegne.

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